Bodo und der verschwundene Regenbogen


Ich heiße Bodo. Ich bin ein kleiner Dachs, und ich liebe Regen. Nicht, weil ich gerne nass werde – das nicht! Aber nach dem Regen, da kommt oft etwas ganz Besonderes: ein Regenbogen. Und ich bin der größte Regenbogen-Fan, den du dir vorstellen kannst.

Heute war so ein Regentag. Ich lag gemütlich in meiner Höhle, hörte das Prasseln auf das Blätterdach und wartete nur auf diesen einen Moment. Wenn die Tropfen aufhören und die Sonne ganz vorsichtig durch die Wolken blinzelt. Dann gehe ich raus, setze mich auf meinen Lieblingsstein und warte.

Und so war es auch heute. Der Regen hörte auf, ich kletterte raus – und mein Herz klopfte vor Vorfreude. Ich schaute nach links. Ich schaute nach rechts. Ich schaute direkt in den Himmel.

Aber da war nichts.

Kein Regenbogen.

„Hm“, brummte ich leise. „Vielleicht hat er verschlafen?“ Ich lachte über meine eigene Idee, aber irgendwie war mir auch ein bisschen mulmig zumute. Seit ich denken kann, ist nach jedem großen Regen irgendwo am Himmel ein bunter Streifen zu sehen. Mal groß, mal zart – aber immer da.

Also machte ich mich auf den Weg. Vielleicht war der Regenbogen ja einfach woanders hingegangen? Ich stapfte durch die feuchte Wiese, meine Tatzen wurden ganz schlammig, aber ich ließ nicht locker.

Am Flussufer begegnete ich Fanni, der Wasseramsel.

„Hast du heute den Regenbogen gesehen?“, fragte ich hoffnungsvoll.

Sie schüttelte traurig den Kopf. „Nein, Bodo. Heute ist er nicht gekommen. Und weißt du was? Der Bach glitzert heute auch nicht so wie sonst.“

Das war seltsam. Der Regenbogen fehlte – und jetzt glitzerte nicht mal das Wasser? Ich spürte, wie mir etwas im Bauch flatterte. Keine Angst, eher so... Abenteuergefühl.

„Dann muss ich wohl herausfinden, was da los ist“, sagte ich fest.

Fanni legte ihren Kopf schief. „Und wo willst du anfangen?“

Ich deutete auf den großen Hügel am Ende des Waldes. „Von dort sieht man alles. Wenn der Regenbogen irgendwo ist – dann sehe ich ihn von da.“

Und so machte ich mich auf den Weg. Der Weg war steil, der Boden noch rutschig vom Regen. Aber ich kletterte und kletterte.

Gerade als ich oben ankam, und mein Herz wild vor Aufregung klopfte, geschah es:
Ein leises Summen lag in der Luft. Nicht laut – eher wie ein geheimnisvolles Flüstern.

Ich drehte mich langsam um. Und da war sie – eine schimmernde Gestalt zwischen zwei Bäumen.

Wer ist das dort oben auf dem Hügel? Und hat sie etwas mit dem verschwundenen Regenbogen zu tun?

? Morgen erzähle ich weiter!


Ich stand ganz still. Mein Herz klopfte so laut, dass ich dachte, man könne es hören. Die schimmernde Gestalt bewegte sich nicht – sie stand einfach da, halb verborgen zwischen zwei Birken. Der Nebel über dem Hügel war dichter geworden, und das leise Summen lag immer noch in der Luft. Es klang irgendwie traurig.

„Hallo?“, rief ich vorsichtig. „Ich bin Bodo. Ich suche den Regenbogen.“

Die Gestalt bewegte sich. Ganz langsam. Und dann erkannte ich sie: Es war kein Tier wie ich, sondern... eher ein Licht. Ja, genau. Ein Licht mit einer Form. Wie ein Windhauch, der leuchten kann.

„Du bist mutig, Bodo“, flüsterte es – und ich bin ganz sicher, dass ich das nicht mit den Ohren, sondern irgendwie im Kopf gehört habe. „Du suchst etwas, das sich heute nicht zeigen will.“

„Warum nicht?“, fragte ich. „Ist der Regenbogen böse? Oder krank?“

Das Licht zitterte ein wenig, fast so wie eine Kerzenflamme im Wind. Dann antwortete es:
„Der Regenbogen ist traurig. Sein Glanz ist schwach geworden. Etwas fehlt ihm. Und solange das fehlt, kann er sich nicht zeigen.“

Ich schluckte. Ein trauriger Regenbogen? Das hatte ich mir nie vorgestellt.

„Was fehlt ihm denn?“, fragte ich ganz vorsichtig.

„Eine Farbe“, hauchte das Licht. „Eine ganz bestimmte. Und nur jemand mit einem ehrlichen Herzen kann sie wiederfinden.“

Ich spürte, wie mein kleiner Dachs-Bauch kribbelte. Eine Farbe? Ich dachte immer, der Regenbogen hätte alle Farben in sich.

„Und wo soll ich suchen?“, fragte ich.

„Im Spiegelwald“, antwortete das Licht. „Dort, wo das Licht sich selbst begegnet.“

Ich wollte noch mehr fragen – doch da wurde die Gestalt blasser, das Licht wurde schwächer. Und dann… war sie verschwunden. Nur der Nebel blieb.

Ich stand ganz allein auf dem Hügel und starrte in den dunstigen Wald unter mir.

Spiegelwald? Ich hatte den Namen schon mal gehört – aber keiner meiner Freunde war je dort gewesen.
Was, wenn ich mich verlaufe?
Was, wenn ich die falsche Farbe finde?

Aber dann spürte ich dieses Kribbeln wieder. Das Gefühl, dass ich gebraucht werde.

Also schnappte ich tief Luft, stapfte den Hügel hinunter – und machte mich auf den Weg in den Spiegelwald.

Doch kaum hatte ich das erste dichte Blattwerk betreten, geschah etwas Seltsames:

Ich hörte plötzlich meine eigene Stimme – obwohl ich gar nichts gesagt hatte.

„Was... war das?“, flüsterte ich.
Und wieder hörte ich es – dieselben Worte, exakt gleich, ein paar Herzschläge später.

Ein Wald, der zurückspricht?

? Morgen erzähle ich dir, was ich dort entdeckt habe.


Ich trat tiefer in den Wald hinein. Überall war es feucht und still, und die Bäume standen so dicht beieinander, dass kaum Licht durchkam. Nur hier und da schimmerte ein heller Fleck auf einem Blatt – als hätte jemand dort ein winziges Stück Mondlicht abgelegt.

Und dann hörte ich sie wieder – meine eigene Stimme.

„Was... war das?“
Genau wie vorhin. Nur ein paar Sekunden später, wie ein Echo, aber viel leiser. Fast, als hätte der Wald sich gemerkt, was ich gesagt hatte – und mir eine Antwort geben wollte.

Ich drehte mich langsam im Kreis. Überall sah ich mein eigenes Spiegelbild. Nicht in echten Spiegeln, sondern auf nassen Steinen, in Pfützen, in glänzenden Blättern. Ich stand mitten im Spiegelwald.

„Okay, Bodo“, murmelte ich zu mir selbst. „Du suchst eine verlorene Farbe. Aber wie findet man so etwas überhaupt?“

„...wie findet man so etwas überhaupt?“
kam es leise aus dem Gebüsch zurück.

Ich zuckte zusammen.

„Also gut“, sagte ich laut. „Wenn der Wald zuhört – kann er mir dann auch helfen?“

Ich wartete. Nichts. Nur das Tropfen eines einzelnen Blattes, das Wasser verlor.

Ich ging weiter. Meine Tatzen wurden langsam kalt vom nassen Boden, und meine Nase zuckte. Irgendetwas lag in der Luft. Nicht Gefahr – eher... eine Ahnung.

Plötzlich entdeckte ich vor mir etwas Glänzendes. Ein schimmernder Tropfen hing an einem Zweig – größer als gewöhnlich, fast wie eine kleine Kugel.

Ich beugte mich näher.

Im Tropfen spiegelte sich nicht nur mein Gesicht – sondern auch ein Licht. Ein rötliches Funkeln, tief in seinem Inneren. Es pulsierte leicht, als würde es auf mich warten.

„Bist du… die verlorene Farbe?“, flüsterte ich.

Doch bevor ich den Tropfen berühren konnte, wehte ein Windstoß durch den Wald. Der Zweig bebte – und der Tropfen fiel.

Ich sprang nach vorn, streckte meine Pfote aus – und erwischte ihn gerade noch, bevor er den Boden berührte.

In dem Moment durchzuckte mich ein warmer Blitz. Nicht schmerzhaft – eher wie ein Sonnenstrahl, der ganz tief ins Fell kriecht.

Und dann hörte ich es. Nicht meine eigene Stimme, nicht das Echo – sondern eine andere Stimme, weich und freundlich:

„Du hast sie gefunden, Bodo.“

Ich blickte auf. Vor mir stand jemand – nicht leuchtend wie die Gestalt vom Hügel, sondern aus Fell und Federn. Ein Tier. Und doch irgendwie... mehr.

Ein kleiner Fuchs, mit Augen, so bunt wie ein Regenbogen.

„Du hast das Herz der Farbe gefunden“, sagte er.

Ich wollte etwas sagen – doch er hob die Pfote.

„Aber das war erst die erste. Es fehlen noch sechs.“

Sechs?! Ich schluckte.

Und der Fuchs fügte hinzu:
„Und jede wird besser bewacht als die letzte.“

? Morgen erzähle ich, wie die zweite Farbe aussieht – und wer sie versteckt hält.


Sechs Farben fehlten noch. Ich konnte es kaum glauben.

Ich stand da, den geretteten Tropfen mit dem rötlichen Leuchten vorsichtig in meiner Pfote, und der Regenbogenfuchs sah mich geduldig an. Seine Augen blitzten in allen Farben, als könnte er in mich hineinschauen.

„Wohin jetzt?“, fragte ich.

Er drehte sich um und zeigte mit der Schnauze auf einen gewundenen Pfad, der tiefer in den Wald führte. „Dort liegt die zweite Farbe. Sie ist schüchtern. Sie versteckt sich im Schatten. Du wirst sie nicht finden, wenn du sie suchst. Du musst sie fühlen.“

Ich blinzelte. „Fühlen? Wie soll ich etwas fühlen, das ich nicht sehe?“

Doch der Fuchs war schon verschwunden – so schnell, als wäre er nur ein Gedanke gewesen.

Ich seufzte leise, steckte den ersten Tropfen in meine Umhängetasche – ein altes Blatt, das ich mir umgebunden hatte – und ging los. Der Weg wurde enger, dunkler, und ich spürte, wie der Wald stiller wurde, fast wie vor dem Einschlafen.

Nach einer Weile kam ich in eine kleine Senke, die ganz von Bäumen umschlossen war. Die Blätter darüber waren so dicht, dass fast kein Licht durchkam.

Und genau da – fühlte ich es.

Ein Kribbeln im Bauch, ganz leicht. Und... ein bisschen Wehmut. Wie wenn man sich an etwas Schönes erinnert, das schon vorbei ist. Es war seltsam, aber auch tröstlich.

Ich schloss die Augen. Da war es wieder. Ganz deutlich. Ein Gefühl, warm und tief. Und mitten darin – ein Hauch von Farbe.

„Ich sehe dich nicht“, flüsterte ich. „Aber ich weiß, dass du da bist.“

Nichts geschah. Dann – ein Rascheln. Leise. Vorsichtig.

Ich öffnete die Augen. Vor mir stand ein Rehkitz. Klein, zart, mit einem Tupfenmuster auf dem Rücken, das im Halbdunkel fast verschwand.

„Du hast mich gespürt“, sagte es leise. Seine Stimme war kaum mehr als ein Hauch.

„Bist du... die Farbe?“, fragte ich.

Das Kitz schüttelte den Kopf. „Ich bewache sie. Die zweite Farbe ist nicht laut. Sie ist die Sanfte. Die, die Trost bringt, wenn alles still ist.“

„Wie kann ich sie mitnehmen?“, fragte ich.

Das Kitz trat zur Seite. Hinter ihm lag ein kleiner Stein, ganz glatt. Darauf schimmerte etwas – ein Hauch von Blau, wie der Himmel nach einem Regen. Oder wie ein Tränentropfen, den man nicht weint.

„Wenn du sie berührst, musst du ein Versprechen geben“, sagte das Kitz.

„Was für ein Versprechen?“, fragte ich vorsichtig.

„Dass du sie nie verdrängst, auch wenn sie sich verstecken will. Denn manchmal braucht auch die Traurigkeit einen Platz, damit die Freude wieder leuchten kann.“

Ich schluckte. Und dann nickte ich.

Ich legte meine Pfote auf den Stein – und das Blau verschwand in einem winzigen Lichtblitz. Es war jetzt bei mir. Ganz still. Ganz leicht.

Ich wollte dem Kitz danken – doch da war es schon fort. Nur der Stein blieb zurück.

Ich setzte mich kurz, um tief durchzuatmen. Zwei Farben hatte ich gefunden. Und ich spürte: Jede würde anders sein.

Doch dann – knack! Ein Ast brach hinter mir. Ich drehte mich um.

Ein Schatten bewegte sich zwischen den Bäumen. Groß. Breit. Und er kam näher.

? Morgen erzähle ich dir, wem ich dort begegnet bin – und welche Farbe er bewacht.


Ich erstarrte. Der Schatten kam näher, und meine Pfoten fühlten sich plötzlich ganz schwer an. Ich wollte mich ducken, aber irgendetwas in mir sagte: Bleib stehen, Bodo. Lauf nicht weg.

Da trat der Schatten zwischen zwei knorrigen Bäumen hervor – und ich atmete erleichtert auf. Es war kein Ungeheuer. Es war ein Dachs. Ein großer. Mit grauem Fell am Bauch und einer Narbe über dem linken Auge.

Er sah mich an, ohne etwas zu sagen.

„Ich... ich bin Bodo“, stammelte ich. „Ich suche die Farben des Regenbogens. Zwei habe ich schon gefunden.“

„Ich weiß“, sagte der Dachs mit tiefer Stimme. „Ich habe deine Schritte gespürt. Und dein Herz.“

Ich wollte fragen, wie er das meinte, aber er kam direkt zur Sache.

„Du suchst die dritte Farbe. Die Mutige. Sie gehört nicht zu denen, die sich leicht zeigen. Sie taucht erst auf, wenn man Angst hat – und trotzdem weitergeht.“

Ich nickte langsam. „Also... genau jetzt?“

Er grinste. „Vielleicht.“

Dann drehte er sich um und ging los, ohne sich umzusehen. Ich trottete hinterher. Der Weg war steinig und führte bergauf, über kahle Wurzeln und durch dichten Farn. Kein leichter Pfad.

„Warum bewachst du die Farbe?“, fragte ich schließlich.

Der große Dachs blieb stehen und sah mich ernst an.

„Weil ich sie einmal selbst verloren hatte“, sagte er leise. „Und weil ich weiß, wie es ist, mutig tun zu müssen, obwohl man sich klein fühlt.“

Ich schluckte.

Dann erreichten wir einen hohen Felsblock, der mitten im Wald stand. Er war glatt, aber oben war ein kleiner Vorsprung – wie eine Plattform.

„Hinauf“, sagte der Dachs.

Ich starrte ihn an. „Ich soll da raufklettern? Der ist viel zu steil!“

„Eben deshalb“, sagte er ruhig. „Mut wächst nicht auf flachem Boden.“

Ich schnaufte. Mein Herz pochte. Aber ich wollte nicht aufgeben.

Also stellte ich mich auf die Hinterbeine, krallte mich in den Stein, rutschte zweimal ab, biss die Zähne zusammen – und kam Schritt für Schritt höher.

Meine Pfoten zitterten. Der Wind pfiff mir ins Gesicht. Und gerade als ich dachte, ich schaffe es nicht – zog mich eine kräftige Pranke nach oben.

Der große Dachs stand schon da. Und vor ihm – auf einem flachen Stein – lag ein leuchtender Tropfen. Diesmal in kräftigem Orange, so hell wie ein Lagerfeuer bei Nacht.

„Deine Belohnung“, sagte er. „Aber nur, wenn du weißt, was du getan hast.“

Ich sah ihn an. Und in mir wurde es plötzlich ganz ruhig.

„Ich hatte Angst“, flüsterte ich. „Aber ich bin nicht zurückgegangen.“

Der Dachs nickte. „Dann gehört dir diese Farbe.“

Ich legte die Pfote auf den Tropfen – und ein warmer Funke lief durch meinen ganzen Körper. Kraftvoll. Wach. Ich fühlte mich... größer.

Drei Farben.

Ich stieg wieder hinunter – diesmal sicherer – und als ich unten ankam, war der große Dachs verschwunden.

Doch dort, wo er gestanden hatte, lag ein kleiner Zweig mit einem Zeichen eingeritzt: ??

Ich nahm ihn an mich.

Kaum war ich ein paar Schritte weitergegangen, begann der Waldboden sich zu verändern. Der Boden wurde weich, fast schwammig – und überall waren Pilze. Große, runde, leuchtende Pilze.

Ich war im nächsten Teil des Waldes angekommen.

Und plötzlich hörte ich ein Kichern.

Hoch, fröhlich – aber auch ein bisschen... schief.

? Morgen erfährst du, wer dort lacht – und welche Farbe sich zwischen den Pilzen versteckt.


Ich blieb stehen. Das Lachen war seltsam – hell und lustig, aber irgendwie passte es nicht in diesen stillen, weichen Wald. Rings um mich herum wuchsen Pilze in allen Formen und Farben. Manche leuchteten leicht, andere waren so dunkel, dass sie im Boden fast verschwanden.

Hihi! – da war es wieder. Jetzt direkt rechts von mir.

„Hallo?“, rief ich zaghaft. „Ich bin Bodo. Ich suche... eine Farbe.“

„Vielleicht eine, die Spaß macht?“, flüsterte eine Stimme direkt hinter mir.

Ich fuhr herum – aber niemand war da. Nur ein Pilz mit einem besonders dicken Hut, der verdächtig zitterte. Ich beugte mich näher...

Und dann sprang plötzlich ein kleines Wesen aus dem Pilz heraus! Es hatte lange Ohren, ein wuscheliges Fell und trug einen winzigen Hut mit einem Glöckchen daran.

„Buh!“, rief es.

Ich stolperte rückwärts, fiel auf den Hosenboden – und musste plötzlich selbst lachen. So erschrocken war ich, dass ich kichern musste. Und das kleine Wesen lachte mit.

„Ich bin Zipp“, stellte es sich vor. „Pilzgeist, Quatschmacher, und – heute – Hüter der vierten Farbe!“

„Du?“, fragte ich. „Aber… du siehst gar nicht so... na ja... wichtig aus.“

Zipp grinste. „Gerade deswegen. Die vierte Farbe ist nämlich die Leichte. Die, die Lachen bringt. Die, die man oft vergisst, wenn man zu viel denkt.“

„Und wo ist sie?“, fragte ich.

Zipp sprang auf einen leuchtenden Pilz. „Die ist gut versteckt! Willst du sie haben, musst du erst ein Rätsel lösen.“

Ich nickte. „Na gut.“

Zipp schwang seinen Glöckchenhut. „Also, hör zu:

Ich bin da, wenn dein Bauch wackelt,
Und manchmal, wenn du fast schon weinst.
Ich bin kein Ton, kein Licht, kein Wort –
Und doch: Du bist nie ganz allein.

„Was bin ich?“, fragte Zipp und hüpfte aufgeregt im Kreis.

Ich überlegte. Bauch wackelt... fast weinen... kein Ton...

Und dann wusste ich’s. Ich erinnerte mich an den Moment, als ich vor dem Spiegelwald Angst hatte – und dann plötzlich lachen musste, obwohl ich unsicher war.

„Die Freude“, sagte ich leise. „Oder... das Lachen.“

Zipp hielt mitten in der Luft inne, grinste breit – und tanzte dann wie verrückt im Kreis. „Richtig! Juhu! Du hast’s erraten!“

Dann zog er unter seinem Hut ein kleines, rundes Blatt hervor – darauf ein leuchtender, gelber Tropfen.

„Hier ist sie“, sagte er. „Die Farbe, die alles heller macht.“

Ich nahm sie behutsam an mich. Der Tropfen fühlte sich warm und kitzelig an. Ich konnte nicht anders, als zu lächeln.

„Aber vergiss nicht“, sagte Zipp plötzlich ernst, „diese Farbe will manchmal verschwinden, wenn es zu schwer wird. Dann musst du sie erinnern. Mit Geschichten. Oder einem Lied.“

Ich nickte. Und schon war der kleine Pilzgeist verschwunden, als hätte er sich in Luft aufgelöst.

Ich sah mich um. Die Pilze begannen langsam, dunkler zu werden – als wollten sie schlafen. Es war Zeit, weiterzugehen.

Am Ende des Pilzwaldes begann ein schmaler Pfad. Er führte bergab, Richtung einer Wiese. Die Luft roch anders – süßer, fast wie Blütenstaub.

Ich hatte vier Farben gesammelt.

Doch plötzlich blieb ich stehen.

Auf dem Weg lag ein einzelnes Blatt. Darauf: Ein Tropfen – tief violett, wunderschön, aber... ganz still.

Niemand bewachte ihn.

Ich wollte ihn gerade aufheben – da bebte die Erde leicht.

Ein tiefer Schatten fiel über mich.

Etwas Großes war hinter mir aufgetaucht.

? Morgen erzähle ich dir, wem ich dort begegnet bin – und ob die fünfte Farbe wirklich ungeschützt war.


Ich drehte mich langsam um.

Hinter mir ragte ein Tier empor, das ich nur aus Erzählungen kannte: ein riesiger Uhu, mit Federn wie Mitternacht und Augen, so tief wie ein stiller See. Er sagte nichts – er sah mich nur an.

Der violette Tropfen lag noch immer auf dem Blatt. Er leuchtete nicht wie die anderen. Eher... flüsterte er. Ich konnte es nicht hören, aber spüren.

„Warum bewacht niemand diesen Tropfen?“, fragte ich vorsichtig.

Der Uhu neigte langsam den Kopf. Dann sprach er, mit einer Stimme so tief, dass der Boden leicht vibrierte:

„Weil diese Farbe dich selbst prüft.“

Ich schluckte. „Wie meinst du das?“

„Die fünfte Farbe ist das Vertrauen“, sagte der Uhu. „Sie zeigt sich nicht in Glanz oder Spiel. Sie zeigt sich, wenn du nichts weißt – aber trotzdem gehst. Wenn du allein bist – und trotzdem glaubst.“

Ich sah auf den Tropfen. Er sah aus wie ein einfacher Wassertropfen. Kein Funkeln, kein Farbenspiel. Nur Stille.

„Also... ich soll ihn nehmen, obwohl ich nicht sicher bin, ob er echt ist?“

Der Uhu schloss kurz die Augen. „Du sollst dich entscheiden, ohne Beweis. Das ist die Natur des Vertrauens.“

Ich atmete tief ein.

Und legte meine Pfote auf den Tropfen.

Einen Moment passierte nichts. Dann... ein ganz sanftes Pochen, wie ein Herzschlag. Warm, ruhig, kraftvoll.

Ich wusste: Diese Farbe würde nicht leuchten. Sie würde nicht tanzen. Aber sie war die, auf die man sich verlassen konnte – wenn alles andere fehlte.

„Du hast sie angenommen“, sagte der Uhu leise. „Dann bist du bereit.“

„Bereit wofür?“, fragte ich.

Er breitete seine riesigen Schwingen aus. „Der Regenbogen wartet.“

Er hob sich in die Luft – und mit einem Windstoß wirbelte er Staub auf. Goldener Staub.

Ich drehte mich um – und da war er.

Der Himmel hatte sich geöffnet. Eine Lichtspur führte von den Baumwipfeln bis hoch in die Wolken. Und am Anfang dieses Pfades: ein leuchtender Kreis, fast wie ein Tor.

Ich spürte, wie sich alle Tropfen in meiner Tasche bewegten – als wären sie aufgeregt.

Ich trat an den Rand des Lichts. Und plötzlich... war da noch jemand.

Der Regenbogenfuchs.

Er nickte mir zu. „Du hast sie gefunden. Nicht alle sieben – aber alle, die du brauchst. Denn die letzten Farben... wachsen aus denen, die du trägst.“

Ich verstand. Freundschaft. Hoffnung. Geduld. Die Farben, die man nicht sehen kann, aber spürt.

Ich setzte mich auf meinen Stein, schaute in den Himmel – und da war er:
Der Regenbogen. Breit, hell, wunderschön. Und ich wusste: Ich hatte geholfen, ihn zurückzubringen.

Nicht, weil ich besonders klug war. Sondern weil ich gegangen bin, obwohl ich Angst hatte.

Ich – Bodo. Ein kleiner Dachs mit schlammigen Pfoten.
Und einem Herz, das ein bisschen mehr Farben kannte als vorher.

Ende.

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